Vor den Olympischen Spielen 2021 in Tokyo

Aline Rotter-Focken Foto: privat

Nachgefragt bei der deutschen Erfolgsringerin Aline Focken
Rückblick: Ringer aus M-V bei den Olympischen Spielen

„Ringen ist mein Leben und hat mir so viel gegeben…“
Olympia und Tokyo 2021. Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten einer globalen Corona-Pandemie. Nachdem die Spiele 2020 auf dieses Jahr verschoben werden mussten, folgte erneut grosse Skepsis, ob zumindest im Juli/August Tokyo die Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt begrüßen kann. Und noch immer stehen hinter Olympia 2021 in Tokyo viele Fragezeichen.
Der „Corona-Notstand“ für Tokyo und andere japanische Regionen wurde bis zum 20.Juni verlängert – einen Monat später sollen dann die Olympischen Spiele beginnen… Ohne ausländische Zuschauer, mit reduzierter Anzahl an Journalisten, Funktionären und Offiziellen sowie eingeschränkter Bewegungsfreiheit für die Athletinnen und Athleten, die seit fünf Jahren unter großen Entbehrungen, mit ganz viel Enthusiasmus sowie Herzblut und großem Trainingsfleiß ihren Olympiatraum auch unter Pandemie-Bedingungen realisieren wollen. Olympia 2021 ist sowohl eine Chance als auch ein Risiko, aber es ist ebenfalls eine Hoffnung für die Nach-Corona-Ära, nicht nur im Sport.
Eine deutsche Erfolgsringerin Aline Rotter-Focken, aus Krefeld, Jahrgang 1991, seit der Junioren-EM 2007, also seit 14 Jahren eine fleißige Medaillen-Sammlerin bei internationalen Wettkämpfen, hat zudem große Ziele für Tokyo 2021…
Nachgefragt bei Aline
Aline über ihre Erwartungen an die Spiele 2021, ihre Trainingsbedingungen in Pandemie-Zeiten, ihre jüngsten Erfolge, die Bedeutung Olympischer Spiele und neue Ziele
„Ringen ist mein Leben und hat mir so viel gegeben…“
Frage: Olympia 2021 rückt immer näher – ein Olympia in Zeiten einer globalen Pandemie. Was erhoffen, erwarten Sie von Tokyo 2021 – jenseits der sportlichen Ambitionen?
Aline: Ich habe mir tatsächlich alle größeren Erwartungen abgewöhnt. Ich muss einfach realistisch sein, dass es zwar ein riesiges Event mit vielen Sportlern aus aller Welt sein wird, aber leider ohne jegliche Besonderheiten, welche Olympische Spiele normalerweise haben – wie zum Beispiel das Deutsche Haus, Begegnungen zwischen Sportlerinnen bzw. Sportlern, Kennenlernen anderer Disziplinen, Besuch von Partys und und und… Das wird leider alles fehlen.
Frage: Natürlich wollen Sie, als Weltmeisterin 2014 und Weltcup-Siegerin 2020, nicht als „Touristin“ nach Tokyo… Was sind Ihre sportlichen Ziele? Wie beurteilen Sie die Konkurrenz in Ihrer Gewichtsklasse, dem Schwergewicht?
Aline: Die Konkurrenz in meiner Gewichtsklasse ist sehr groß. Mit mir gehen insgesamt vier Weltmeisterinnen und zwei Olympiasiegerinnen an den Start, die Silber- und Bronzemedaillen-Gewinnerinnen sind nicht mal mitgezählt. Nichtsdestotrotz ist es nach wie vor mein Ziel, eine Olympiamedaille zu gewinnen und mir dort meinen großen Traum zu erfüllen.
Frage: Die Trainingsbedingungen in dieser Corona-Pandemie waren bestimmt auch für Sie alles andere als optimal. Wie sah Ihr Training seit März 2020 aus? Mussten Sie auch „im Wohnzimmer“ trainieren?
Aline: Nein, ich hatte ziemlich großes Glück, weil ich fast normal weiter trainieren konnte. Mein Schwiegervater hat sich vor Jahren einen großen Kraftraum für sein Hobby Bodybuilding eingerichtet, in dem ich mein Kraft- und Ausdauertraining auf dem Laufband usw. normal weitermachen konnte. Auf die Matte konnte ich auch – und zwar zusammen mit meinem Mann Jan, der selbst jahrelang Nationalmannschaftsringer war! Das war dann im Gymnastikstudio meiner Schwiegermutter, welches ja auch wegen Corona seit Monaten leer stehen muss.
Frage: Gab es in den letzten Monaten mitunter negative Gedanken a la „Warum tue ich mir das Ganze noch an?!“ …
Aline: Nicht mehr als sonst auch! Es gab schon mal ein paar Tage oder Stunden, in denen man einfach auch mal genervt war und nicht wusste, können wir bald wieder ringen, findet das Turnier jetzt statt – Ja oder Nein. Aber trotzdem hat die Pandemie nichts an meiner Motivation und meinen Zielen geändert.
Frage: Der Weltcup-Gewinn, WM-Ersatz 2020, war ein grandioser Erfolg. Wie bewerten Sie persönlich diesen Triumph?
Aline: Für mich war es ein toller Erfolg zur rechten Zeit. Ich habe die Lockdown-Zeit echt gut genutzt und intensiv physisch und psychisch gearbeitet, um daraus stärker hervor zu gehen. Und der World-Cup-Sieg am Ende dieses verrückten Jahres 2020 hat mich dann für meine harte Arbeit belohnt.
Frage: 2016 erlebten Sie Olympia schon einmal, wenngleich es sportlich nicht so optimal lief. Welche Bedeutung hat Olympia in der heutigen Zeit, die durch Kommerz, Politik und Gigantismus auch im Sport gekennzeichnet ist?
Aline: Für mich hat sich an der Bedeutung nichts geändert. Natürlich weiß ich, dass es eine immer mehr umstrittenere Veranstaltung ist, bei der leider nicht mehr nur noch der Sport und die Athletinnen bzw. Athleten im Vordergrund stehen. Trotzdem haben die Olympischen Spiele einfach eine unglaubliche Bedeutung für mich und jede Olympiasiegerin bzw. jeder Olympiasieger bleiben für mich unsterblich.
Frage: MV ist nun auch ein traditionsreiches Ringerland. Der Wahl-Rostocker Lothar Metz holte bei den Spielen 1964 in Tokyo Bronze… Waren Sie als Ringerin oder „Touristin“ auch schon in M-V „unterwegs?
Aline: Leider noch nicht. Ich war schon in Schleswig-Holstein im Urlaub an der Nordsee, aber M-V steht auf jeden Fall noch auf meiner Liste an Reisezielen, die ich noch entdecken will und muss.
Letzte Frage: Nach Olympia 2021 wollen Sie Ihre sportliche Karriere beenden. Bleiben Sie dem Ringen weiterhin treu – eventuell als Trainerin? Welche beruflichen Pläne haben Sie?
Aline: Ja. Auf jeden Fall. Ich habe eine spannendes Job-Angebot in der Verwaltung des Deutschen Ringer-Bunds erhalten und möchte mich auch nebenher als Trainerin engagieren. Ringen ist mein Leben und hat mir so viel gegeben, sodass ich damit niemals richtig brechen möchte.
Vielen Dank und dann maximale Erfolge in Tokyo! Auch das Ringerland M-V drückt Ihnen die Daumen!

Ringer aus M-V bei den Olympischen Spielen
Lothar Metz (ASK Vorwärts Rostock) nahm zwischen 1960 und 1972 viermal an Olympischen Spielen im griechisch-römischen Stil teil und seine Bilanz ist „atemberaubend“: 1 x Gold, 1 x Silber und 1 x Bronze. Den Olympiasieg errang er ’68 in Mexico-City. Metz‘ Klubkollege Rudolf Vesper (wie dieser Jahrgang 1939) war zweimal Olympionike: 1964 und 1968. Beim ersten Mal noch „Lehrling“ (Achter) wurde Vesper beim zweiten Anlauf Olympiasieger. Ohne Medaillengewinn, trotz guter Leistungen, blieb der in Teusin bei Demmin geborene Klaus Pohl. Er startete 1968 (Leichtgewicht, GR) und 1972 (Weltergewicht, GR, 7. Platz). Für den Weltmeister von 1977, Heinz-Helmut Wehling (ASK Vorwärts Rostock), gab es ein Jahr zuvor, bei den Spielen ’76 in Montreal, Bronze. Bei Olympia 1972 war es sogar Silber gewesen.
Hervorragende Platzierungen erreichte auch Roland Gehrke. Dieser schrammte zweimal ganz knapp an einer Medaille (Superschwergewicht; Freistil) vorbei. In Montreal 1976 und in Moskau 1980 wurde er jeweils Vierter. Hans-Dieter Brüchert wurde 1976 in der Klasse bis 57 kg im Freistil-Ringen olympischer Silbermedaillen-Gewinner.
Dietmar Hinz, Jahrgang 1953 mit Geburtsort Loitz, schaffte im Halbfliegengewicht in Montreal 1976 Platz fünf. Der gebürtige Rostocker Otto Steingräber, Jahrgang 1957, war Olympia-Teilnehmer 1980 in Moskau (Weltergewicht, Freistil). Des Weiteren nahmen Armin Weier aus Vorbein (1980, Mittelgewicht, Freistil), Olaf Koschnitzke aus Grevesmühlen (1988, Halbschwergewicht, GR), Olaf Brandt aus Greifswald (1992, Fliegengewicht, GR) und Rene Schniekel aus Lübz (1996, Superschwergewicht, GR, 6.Platz) an den Spielen teil.
Ganz knapp kämpfte sich übrigens schon der gebürtige Anklamer John Roland Redman (für die USA startend) an einer Medaille (Leichtschwergewicht, Freistil) vorbei. 1920 in Antwerpen wurde er Vierter.

Texte: M.Michels

1 Kommentar

  • Kaiser, Horst

    Hallo Marko,
    Mit Begeisterung habe ich deine Beiträge gelesen. Dir ist ja keine Sportart fremd. Es ist und bleibt mir fremd, dass die Resonanz so schwach ist. Ich glaube, dass dabei eine gehörige Portion Neid eine Rolle spielt,

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