Große Momente für den deutschen Ringkampfsport in Tokyo 2021 – Rückschau

Aline Rotter-Focken mit Ringerinnen-Gold für die Sportgeschichte

Foto: Kadir Caliskan

Das olympische Ringerturnier 2020, das coronabedingt um ein Jahr auf 2021 verschoben wurde, brachte für das Septett des Deutschen Ringer-Bundes große Erfolge mit sich, darunter den imponierenden Olympiasieg von Aline Rotter-Focken (KSV Germania Krefeld) in der Klasse bis 76 Kilogramm (Frauen/Freistil). Für Anna Schell (SC Isaria Unterföhrung, Frauen/Freistil, bis 68 Kilogramm) erfüllten sich zwar nicht die Medaillenhoffnungen, aber Anna wurde gute Zehnte.

Der einzige deutsche Freistil-Ringer, der sich für Tokyo 2021 qualifizieren konnte, Gennadij Cudinovic (Klasse bis 125 Kilogramm) belegte einen ausgezeichneten Platz acht. Großartige Erfolge feierten indes die deutschen „Griechisch-Römischen“. Frank Stäbler (Red Devils Heilbronn), dreifacher Weltmeister (2015 bis 66 Kilogramm, 2017 bis 71 Kilogramm, 2018 bis 72 Kilogramm) und zweifacher Europameister (2012 bis 66 Kilogramm, 2020 bis 72 Kilogramm), holte endlich zum Abschluß seiner beeindruckenden sportlichen Karriere seine Olympiamedaille – Bronze in der Klasse bis 67 Kilogramm).

Denis Kudla (SV Alemannia Nackenheim/VfK Schifferstadt) konnte wie schon 2016 (bis 85 Kilogramm) nun 2021 (bis 87 Kilogramm) erneut Bronze erkämpfen. Etinne Kinsinger (KSV Köllerbach, bis 60 Kilogramm) schaffte Rang elf und Eduard Popp (VfL Neckargartach/Red Devils Heilbronn, bis 130 Kilogramm) schaffte Rang acht.

Höchstes Niveau in Tokyo

Insgesamt wurde – trotz der coronabedingten Einschränkungen, ohne zugelassene Zuschauer und trotz großer Sicherheitsvorkehrungen – in der Wettkampfstätte „Makuhari Messe“ in Chiba hochklassiger Ringkampfsport geboten. Die Medaillen in den 18 Entscheidungen vom 1.August 2021 bis 7.August 2021 sicherten sich 26 Länder, wobei die 18 Goldmedaillen an acht Nationen „verteilt“ wurden.

Die erfolgreichsten Ringkampf-Team insgesamt waren Japan (5 x Gold), Russland (4 x Gold) und die USA (3 x Gold). Im Frauen-Freistil-Ringen setzte sich Japan an die Spitze des Medaillen-Rankings, im griechisch-römischen Ringen jubelte Kuba über zweimal Gold für Luis Orta (bis 60 Kilogramm) bzw. Mijain Lopez (über 130 Kilogramm) und im Herren-Freistil-Ringen hatte Russland die beste Bilanz. Olympia-Gastgeber Japan brillierte vor allem bei den Frauen mit vier Erfolgen, dazu kommt eine weitere Goldene im Freistil-Bereich der Männer.

Die traditionsreiche Ringer-Nation Iran schaffte auch eine sehr gute Bilanz mit jeweils einmal Gold bzw. Silber und zweimal Bronze. Ungarn kam auf einmal Gold bzw. Silber und die oft sehr erfolgreiche türkische Ringer-Auswahl musste sich mit dreimal Bronze begnügen.

Europa ist längst nicht mehr „das Maß aller Ringer-Dinge“, erkämpfte „nur“ sieben der 18 Olympiasiege. Dafür war das deutsche Ringer-Team in Tokyo bestens dabei…

Manfred Werner, DRB-Präsident, zieht eine sehr positive Bilanz…

Für den Präsidenten des Deutschen Ringer-Bundes, Manfred, Werner, verliefen die olympischen Turniere im Ringen für die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ohnehin „absolut hervorragend“.

Natürlich beeindruckte Manfred Werner auch der Gold-Coup von Aline Rotter-Focken. Aus seiner Sicht habe sich Aline mit allen Stafetten professionell auf dieses Turnier vorbereitet und konnte deshalb eine herausragende Leistung in allen Kämpfen abrufen.

Ihre Leistung im Finale der Klasse bis 76 Kilogramm gegen die fünffache Weltmeisterin Adeline Gray aus den USA war dann die stärkste.

Insgesamt wurde laut Manfred Werner auch bei den Olympischen Spielen 2021 deutlich, dass das Leistungsniveau wieder äußerst stark war und eine weitere Steigerung im Vergleich zu den vergangenen olympischen Ringerturnieren zudem deutlich wurde.

Mit Blick in die Zukunft meinte Manfred Werner, dass der Deutsche Ringer-Bund gut aufgestellt sei und hoffentlich genauso weiter arbeiten werde wie jetzt. Allerdings werde Manfred Werner dann nicht mehr an vorderster Stelle dabei sein, denn im November 2021 ende seine Amtszeit nach 16 Jahren als DRB-Präsident.

Die drei Olympia-Medaillen von Aline Rotter-Focken, Frank Stäbler und Denis Kudla dürften nun das schönste Abschiedsgeschenk für Manfred Werner als Präsident des DRB sein.

Für den Präsidenten des Ringerverbandes M-V, Uwe Bremer, waren die olympischen Ringerturniere 2021 in Tokyo ebenfalls beste Werbung für den globalen Ringkampfsport. Die Leistung der Krefelderin Aline Rotter-Focken, die seit 15 Jahren, ob im Jugend-/Junioren-Bereich oder im Elite-Bereich, stets die europäische und Welt-Klasse in ihren Gewichtsklassen wesentlich mit bestimmte, war auch für Uwe Bremer einfach nur großartig. Diese Goldmedaille setzt der vorbildlichen 30jährigen Ringerin schon jetzt ein Denkmal und wird für den gesamten deutschen Ringkampfsport prägend sein.

Derartige herausragenden Erfolge hallen ganz einfach nach. Aber auch Frank Stäbler und Denis Kudla demonstrierten ihre Ausnahmestellungen im internationalen und nationalen Ringkampfsport. Auch die anderen deutschen Ringerinnen und Ringer in Tokyo enttäuschten aus Sicht von Uwe Bremer keineswegs und bewiesen auch mit ihren Leistungen, dass Deutschland ein Ringerland ist und bleibt.

Tokyo 2021 war ein wichtiger Meilenstein für den Ringkampfsport in Deutschland, ähnlich wie es Tokyo 1964 für den Ringkampfsport in M-V war, als mit Lothar Metz, damals Dritter im Weltergewicht (nach Silber 1960) und Rudolf Vesper, der seinerzeit immerhin die dritte Runde im Weltergewicht erreichte, zwei Ringer aus M-V Herausragendes leisteten. Beide „holten“ sich in Tokyo`64 die notwendige Wettkampfhärte, um vier Jahre später, 1968 in Mexico-City, Gold zu erkämpfen. Vielleicht entfacht Tokyo 2021 ähnliche Impulse für den gesamtdeutschen Ringkampfsport?!

Nun „ruft“ jedoch Paris 2024! Wäre an der Zeit, dass wieder einmal Ringerinnen und Ringer aus M-V olympisch dabei sind.

M.Michels

 

Immerhin zwei Silberne für M-V, für Schwerin

Olympia unter Pandemie-Bedingungen ist schon wieder Geschichte. Es waren spezielle Spiele, nur Medien-Spiele. Zuschauer waren ausgeschlossen. Treffen zwischen der Sportjugend aus aller Welt fast nahezu untersagt. Ein vielfältiges Kulturprogramm gab es nicht. Corona machte aus dem Fest für die Sportjugend der Welt ein reines Wettkampfprogramm für Funk und Fernsehen. Noch einmal Olympia unter derartigen Pandemie-Auflagen? Bitte nicht!

Olympia – immer gigantischer

Die japanischen Gastgeberinnen und Gastgeber gaben sich zwar organisatorisch alle erdenkliche Mühe, aber es waren Spiele ohne Herz. Sie wirkten morbide, irgendwie aus der Zeit gefallen. 339 Entscheidungen standen zudem auf dem Programm, wieder mehr als noch 2016 in Rio (306) oder in London 2012 (302). Die ersten Spiele „nach der Wende“, 1992 in Barcelona, waren da noch „übersichtlich“: mit 257 Entscheidungen.

Die Spiele werden immer gigantischer, wirken „überfüllt“. Auch der größte Sportfan verliert angesichts der zahllosen Entscheidungen den Überblick. Die großen Fernsehstationen dirigieren die Zeiten für die wichtigen Finals. Die Sponsoren wollen mit ins Bild. Die Sportfunktionäre und Sportpolitiker ohnehin. Das kann dauerhaft nicht gut gehen.

Die Sportlerinnen und Sportler, die ihre Disziplinen mit viel Herzblut, Enthusiasmus und Entbehrungen ausüben, wirken nur noch wie schmückendes Beiwerk, wie „die Petersilie“ in der „Olympia-Show“.

Ernüchternde deutsche Bilanz

Für die Sportnation Deutschland waren die Tokyoer Spiele 2021 eher ernüchternd. Die Anzahl der erkämpften Medaillen hat sich im Vergleich zu Barcelona 1992 mehr als halbiert und die Anzahl der Goldmedaillen ist nicht einmal ein Drittel dessen, was 1992 geschafft wurde (1992: 33 x Gold, 2021: 10 x Gold). Und das bei immer mehr Entscheidungen im olympischen Programm! Es ist, nenne wir es deutlich, ein Desaster! Für eine Sportnation ist es kein gutes Ergebnis. Seit Peking 2008 liegen die errungenen Medaillen zwischen 41 (2008), 44 (2012), 42 (2016) und nun 37 (2021). Schwach! Dabei läuft es zwischen den jeweiligen Spielen bei WM und Weltcups oft relativ gut bis sehr gut!

Tiefer geschaut

Geht man etwas „tiefer“ in die Sporthistorie, auf die olympische Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg zwischen den Spielen 1952 in Helsinki und 1988 in Seoul, so ist Nachdenklichkeit angesagt.

Noch bei den Spielen 1952 in Helsinki war die Medaillenausbeute allein der westdeutschen Athletinnen und Athleten (24 Medaillen) – bei gerade einmal 149 Entscheidungen – prozentual besser als heute. Von 1956 in Melbourne bis Tokyo 1964 folgten dann die gesamtdeutschen Teams – mit folgenden Resultaten für die gemeinsamen Deutschen: 1956 in Melbourne – 26 Medaillen (6 Olympiasiege), 1960 in Rom – 42 Medaillen (12 Olympiasiege) und 1964, schon damals in Tokyo, 50 Medaillen (10 Olympiasiege) – alles bei deutlich weniger Entscheidungen!

Von Mexico bis Seoul

In den nächsten 20 Jahren wetteiferten die Deutschen aus Ost und West getrennt in den olympischen Arenen. Die 1970er und 1980er waren zwar die Jahre, in denen in Ost UND West intensiv leistungssteigernde Substanzen in unterschiedlicher Graduierung und Systematik angewandt wurden, der Sport in anderer Weise als heute in den Strudel der Politik geriet (Stichwort Olympia-Boykotte 1976, 1980 und 1984), aber dennoch: Nicht alle deutsch-deutschen Erfolge jener Jahre waren dem Doping geschuldet. Da sollte frau/man ENDLICH differenzieren.

Die Deutsch-Deutschen jener Jahre verzeichneten dabei folgende Resultate: Mexico 1968 (51 Medaillen, 14 Olympiasiege), München 1972 (106 Medaillen, 33 Olympiasiege), Montreal 1976 (129 Medaillen, 50 Olympiasiege), Moskau 1980 (nur die DDR, 126 Medaillen, 47 Olympiasiege), Los Angeles 1984 (nur Westdeutschland, 59 Medaillen, 17 Olympiasiege) und Seoul 1988 (142 Medaillen, 48 Olympiasiege). Alles bei deutlich weniger Entscheidungen als heute!

Was ist los im sportiven (?) Deutschland…

Was ist also los in Sport-Deutschland anno 2021? Was läuft schief? Was muss sich ändern – auch im Fördersystem, bei der Talente-Sichtung, bei der Schaffung sportlicher Infrastrukturen, bei der Vorbereitung der Sportler in den Olympia-Jahren? Und: Was ist der Hochleistungssport den Deutschen wert? Soll Deutschland hochleistungssportlich „im freien Fall“ enden?

Die Erfolge in einzelnen Sportarten/Disziplinen, wie der Dressur, im Tennis, in der Leichtathletik, im Tischtennis, im Ringen oder Langstreckenschwimmen, sind weniger Ergebnisse des deutschen Sportfördersystems als vielmehr der verdiente Lohn der unternehmerischen und sportlichen Eigen-Initiative der betreffenden erfolgreichen Athletinnen und Athleten.

Zwischen Frauen-Power und Tokyo 1964/2021

Wo stünde Sport-Deutschland in Tokyo 2021 ohne das erfolgreiche Eigen-Engagement von Alexander Zverev, Aline Rotter-Focken, Isabell Werth, Jessica von Bredow-Werndl, Ricarda Funk, Julia Krajewski oder Florian Wellbrock, um nur einige Namen zu nennen.

Am Ende verdankt Schwarz-Rot-Gold sieben der zehn errungenen Olympiasiege den Frauen. Frauen erscheinen auch im Sport auf der Überholspur zu sein! Zum Vergleich: In Tokyo 1964 war das Kräfteverhältnis noch umgekehrt: 7:3 für „die Männeken“.

Olympiasiegerinnen für das gesamtdeutsche Team wurden vor 57 Jahren Hürdenläuferin Karin Balzer, die Kanu-Rennsportlerinnen Annemarie Zimmermann/Roswitha Esser und die Wasserspringerin bzw. Wahl-Rostockerin Ingrid Engel-Krämer. Wie sich auch die olympischen Zeiten ändern!

Aber: In Tokyo 1964 war das gesamtdeutsche Team, nach harten internen Ausscheidungskämpfen, erfolgreicher als „Team D“ 2021 – trotz weniger Medaillenvergaben.

Deutschland verliert aktuell in vielen Sportarten den Anschluß an die absolute Weltspitze – nur noch Rang neun im ominösen Medaillenspiegel, hinter den Niederlanden bzw. Frankreich, nur knapp vor Italien. Der olympische Wettstreit wird indes immer härter… Athletinnen und Athleten aus sage und schreibe 93 Nationen holten Edelmetall, darunter 65 Länder eine oder mehrere Goldmedaillen.

Bilanz für M-V – eher nachdenklich machend

Aus MV-Sicht lief es 2021 so „la la“, wie frau/man in Frankreich sagen würde. Klasse die Silbernen für den Achter-Recken Hannes Ocik von der Schweriner RG oder für Lea Sophie Friedrich aus Dassow. Chapeau für die gebürtige Schwerinerin Sophie Koch und Rang vier im Canadier-Zweier! Allerdings: Nur vier Sportler aus MV-Vereinen konnten sich für Olympia 2021 qualifizieren – keine gute Quote!

Auch in M-V muss sich einiges in puncto Förderung des Leistungssportes ändern. Sind die Verantwortlichen dazu willens und in der Lage? Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts!

Olympia 2024 in Paris ruft – mit hoffentlich mehr Sportlerinnen und Sportlern aus M-V, ob in der Leichtathletik, im Kanu-Rennsport, im Rudern, im Schwimmen, im Boxen, im Segeln, im Volleyball und und und

Die olympischen Ergebnisse für M-V 2021 in Tokyo

Rudern

– Hannes Ocik (Schweriner RG) – Silber mit dem Achter

– Stephan Krüger (früher ORC Rostock, jetzt Frankfurter RG) – Rang 11 im Doppelzweier

Bahnradsport

– Lea Sophie Friedrich (Dassow/Olympiastützpunkt Schwerin) – Silber im Teamsprint, Viertelfinalistin im Keirin und im Sprint (Fünfte im Sprint), Olympischer Rekord in der Sprint-Qualifikation am 6.August 2021 über die 200 Meter fliegend in 10,310 Sekunden

Leichtathletik

– Claudine Vita (SC Neubrandenburg) – Rang 9 im Diskuswerfen

– Marike Steinacker (TSV Bayer 04 Leverkusen, in Neubrandenburg trainierend) – Rang 8 im Diskuswerfen

– Clemens Prüfer (früher LAC Mühl-Rosin, SC Neubrandenburg, jetzt SC Potsdam) – Rang 11 im Diskuswerfen

Kanu-Rennsport

– Sophie Koch (früher KRG Schwerin, jetzt für Karlsruhe startend): Rang vier im Canadier-Zweier über 500 Meter und Viertelfinalistin im Canadier-Einer über 200 Meter

Schwimmen

– Marie Pietruschka (früher NSSV Delphin Neubrandenburg, jetzt für Leipzig startend): Rang 6 über die 4 x 200 Meter Freistil und Rang 13 über die 4 x 100 Meter Freistil

Straßenrennen

– Trixi Worrack (früher für Bad Doberan startend / Cottbus): Teilnehmerin im Straßen-Einzel (leider ausgeschieden)

Reitsport/Springreiten

– Andre Thieme (Plau am See): Einzel (leider in der Qualifikation ausgeschieden), Neunter mit der Mannschaft

Info: Vom 24.August 2021 bis 5.August 2021 finden dann die Paralympics in Tokyo statt, unter anderem mit Ramona und Carmen Brussig vom PSV Schwerin!

M.Michels

 

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